Post-Quantum-Kryptographie: Warum IT-Entscheider jetzt handeln müssen – nicht erst wenn Quantencomputer einsatzbereit sind

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Managed Security & SOC Services
Veröffentlicht
15.06.2026

 

Post-Quantum-Kryptographie (PQC) ist heute keine Zukunftsoption mehr, sondern ein akutes Sicherheitserfordernis – denn staatliche Akteure sammeln bereits verschlüsselte Daten, um sie nach dem Quantendurchbruch zu entschlüsseln. Der eigentliche Zeitdruck entsteht nicht durch den Quantencomputer selbst, sondern durch die Dauer der Migration: Typische Migrationsprojekte dauern fünf bis zehn Jahre. Wer heute nicht beginnt, wird nicht rechtzeitig fertig sein.

Warum ist heutige Verschlüsselung durch Quantencomputer gefährdet?

Die öffentliche Schlüsselinfrastruktur (PKI), auf der ein Großteil der digitalen Sicherheit basiert, beruht auf mathematischen Problemen, die klassische Computer in vertretbarer Zeit nicht lösen können: Primfaktorzerlegung großer Zahlen (RSA) und das diskrete Logarithmusproblem (Elliptic Curve Cryptography, ECC). Ein hinreichend leistungsstarker Quantencomputer kann diese Probleme mithilfe des Shor-Algorithmus in polynomialer Zeit lösen.

Das bedeutet: Jede Signatur, jeder Schlüsselaustausch, jede VPN-Verbindung und jedes TLS-Zertifikat, das heute auf RSA oder ECC basiert, ist durch einen ausreichend starken Quantencomputer angreifbar. Zusätzlich schwächt Grover’s Algorithmus symmetrische Verschlüsselungsverfahren wie AES – was den Einsatz längerer Schlüssel erfordert.

Für IT-Entscheider bedeutet das: Die gesamte bestehende Kryptographie-Infrastruktur muss mittelfristig ersetzt werden. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wie geordnet.

Was ist „Harvest now, decrypt later" – und warum ist das Risiko heute schon real?

Das unmittelbarste Risiko der Quantenbedrohung existiert bereits heute. Das sogenannte „Harvest now, decrypt later“-Szenario beschreibt eine Angriffsstrategie, die aktiv eingesetzt wird: Staatliche Akteure und hochmotivierte Angreifer sammeln systematisch verschlüsselte Daten – Kommunikation, Dokumente, Transaktionen – mit dem Ziel, sie zu entschlüsseln, sobald Quantencomputer die nötige Leistung erreicht haben.

Für Unternehmen mit langfristig sensitiven Daten ist dieses Risiko bereits heute materiell. Betroffen sind insbesondere:

  • Patente mit einer Laufzeit von 20 Jahren
  • Strategische M&A-Informationen
  • Patientendaten und Gesundheitsinformationen
  • Langfristige Verträge und behördliche Kommunikation

All das könnte sich bereits in den Händen von Akteuren befinden, die nur auf den richtigen Zeitpunkt warten.

Moscas Theorem liefert die formale Risikoquantifizierung: Wenn die verbleibende Zeit bis zur Verfügbarkeit eines kryptographisch relevanten Quantencomputers (t_quantum) plus die benötigte Migrationszeit (t_migrate) die geforderte Schutzdauer der Daten (t_secret) übersteigt, besteht unmittelbarer Handlungsbedarf. Für Unternehmen mit Daten, deren Schutzdauer 10 oder mehr Jahre beträgt, ist dieser Schwellenwert heute erreicht.

Wie lange dauert die Migration zu Post-Quantum-Kryptographie?

Typische PQC-Migrationsprojekte dauern fünf bis zehn Jahre, abhängig von der Komplexität der IT-Landschaft. Der erste und kritischste Schritt ist die Erstellung eines kryptographischen Inventars: eine vollständige Übersicht aller Systeme, Anwendungen und Kommunikationskanäle, die RSA oder ECC nutzen. Ohne dieses Inventar ist keine priorisierte Migration möglich. In der Praxis fehlt genau dieses Inventar in den meisten Organisationen.

BSI und NIST empfehlen übereinstimmend, Krypto-Agilität als Architekturprinzip zu verankern: Systeme so zu gestalten, dass kryptographische Algorithmen ausgetauscht werden können, ohne die gesamte Systemarchitektur neu bauen zu müssen. Dieses Prinzip erhöht nicht nur die PQC-Readiness, sondern langfristig die Anpassungsfähigkeit der gesamten Sicherheitsarchitektur.

In 6 Schritten zur PQC-Readiness: was müssen IT-Entscheider konkret tun?

  1. Kryptographisches Inventar erstellen – Welche Systeme, Applikationen und Kommunikationskanäle nutzen RSA oder ECC?
  2. Risikopriorisierung – Welche Daten haben eine Schutzdauer von 10 oder mehr Jahren?
  3. PQC-Readiness Task Force einsetzen – Fachübergreifend: IT, Security, Compliance, Recht
  4. Krypto-Agilität als Architekturprinzip verankern – Algorithmen austauschbar machen, ohne Systeme neu aufzubauen
  5. Hybride Zertifikate als Übergangsstrategie planen – Rückwärtskompatibilität sicherstellen, sofortigen „Harvest now“-Schutz aktivieren
  6. Vendor-Anforderungen definieren – PQC-Readiness als Beschaffungskriterium in Ausschreibungen verankern

Fazit – Der Zeitdruck kommt nicht vom Quantencomputer selbst

Der häufigste Irrtum in der Diskussion um Post-Quantum-Kryptographie ist die Annahme, Unternehmen müssten erst handeln, wenn Quantencomputer tatsächlich einsatzbereit sind. Das Gegenteil ist wahr.

Der Zeitdruck entsteht durch die Migrationsdauer – nicht durch den Quantencomputer.

Für Daten mit langer Schutzdauer besteht das Risiko durch „Harvest now, decrypt later“-Angriffe bereits heute. Wer jetzt beginnt, hat Zeit für eine geordnete, priorisierte Migration. Wer wartet, wird nicht rechtzeitig fertig – und sitzt auf einem Berg bereits kompromittierter Daten, ohne es zu wissen.

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